Selbst- und Fremdbild

Ich bin nämlich eigentlich ganz anders. Ich komme nur so selten dazu.

Ödön von Horvath

Wie Sie sich selbst sehen und wie Sie auf andere wirken, sind zwei Seiten der Medaille ICH. Wir haben alle ein Bild von uns selbst, ein Bild, wie wir gerne sein bzw. wie wir nach außen erscheinen möchten. Wir alle haben auch ein Bild vom anderen. Schon bei einer flüchtigen Begegnung machen wir uns ein Bild von der betreffenden Person. Das Bild, das so in uns entsteht, ist kein reales Abbild der Person, sondern zugleich auch die unbewusste Projektion eigener Wünsche, Ängste und Bedürfnisse.

Vielleicht ist es Ihnen schon mal passiert, dass ein guter Freund oder eine gute Freundin Ihnen etwas über Sie sagt und Sie erstaunt gesagt haben: „So siehst du mich?!“ In diesem Falle sind Fremdbild und Selbstbild nicht deckungsgleich. Man wird von anderen anders gesehen, als man annimmt oder es sich wünscht. Sie werden vielleicht als dominant wahrgenommen, obwohl Sie sich selbst als kooperativ empfinden. Oder Sie denken, eine gute Zuhörerin zu sein, obwohl andere eher sagen würden, dass Sie sie ständig unterbrechen.

Im Großen und Ganzen meint wohl jeder zu wissen, in welchen Bereichen er einerseits punkten kann und wo andererseits die Problemzonen liegen. Doch deckt sich dieses Selbstbild mit der Art und Weise, wie Sie von Ihrem Umfeld wahrgenommen und beurteilt werden?

Um diese Frage zu klären, können Sie sich vor das Johari-Fenster stellen und überlegen, wie groß der Fensterbereich sein soll, mit dem Sie den Blick auf die eigene Person freigeben und wie es um die anderen Bereiche bestellt ist. Das Fenster besteht zunächst aus vier gleich großen Segmenten:

Öffentlicher Bereich: Stellen Sie sich vor, Sie stehen in einer Arena. Das Publikum sieht und hört, was Sie machen, wie Sie handeln, wie Sie vorgehen, was Sie sagen und in welcher Stimmung Sie sind. Das Bild, das sich Ihr Publikum dabei über Sie macht, ist abhängig davon, wie viel Sie über sich preisgeben. Die Arena ist der öffentliche Bereich des Fensters. Es erlaubt anderen die Sicht auf die Teile der Persönlichkeit, die Sie von sich zeigen.

Mein Geheimnis: Vor diesem Fensterausschnitt hängt ein undurchsichtiger Vorhang. Er ist das Gegenteil zur offenen Arena. Hinter dem Vorhang steckt alles, was Sie vor anderen verborgen halten möchte wie Empfindlichkeiten und wunde Punkte wie mangelndes Selbstvertrauen oder Wissensdefizite. Auch wenn die Privatsphäre gut vor der Wahrnehmung durch andere abgeschirmt ist, beeinflusst sie unser Verhalten.

Andere sehen, was Sie nicht sehen: der blinde Fleck. Wahrscheinlich kennen Sie den Nudel-Sketch von Loriot: Einem Mann, der mit einer Frau anbandeln möchte, hängt eine Nudel im Gesicht, ohne dass er davon weiß. Die irritierten Blicke der Frau deutet er als Zustimmung auf seine Flirtversuche. Nur die Frau oder ein Blick in den Spiegel könnten ihn auf die Nudel hinweisen.

In diesem Fensterbereich werden Teile Ihres Verhaltens sichtbar, die Ihnen nicht bewusst sind. Diese Facetten formen das Fremdbild, das andere sich von uns machen. Das können ein arrogantes Verhalten, ein oberlehrerhafter Ton, ein burschikoses Auftreten oder Marotten sein, die von Ihrem Umfeld beobachtet und mehr oder weniger wohlwollend, belustigt oder verärgert zur Kenntnis genommen werden.

Black Box: Das vierte Fenster ist zugehängt und erlaubt zunächst niemandem einen Einblick. Es ist der Bereich der ungewussten Motive für das eigene Verhalten, aber auch der Bereich verborgener Talente oder ungenutzter Begabungen. Er ist weder Ihnen noch anderen Personen unmittelbar zugänglich.

Die Arena erweitern

Unabhängig davon, was Sie über sich mitteilen und was Sie lieber verschweigen, machen sich die Menschen, mit denen Sie zusammentreffen, ein Bild von Ihnen. Dieses Bild kann, muss aber beiliebe nicht mit dem Bild übereinstimmen, das Sie von sich zeichnen. Je weniger Sie sich mitteilen oder je weniger einschätzbar Ihr Verhalten für andere ist, desto fantasiereicher sind die Spekulationen (Eingeschnappt?, Neue Liebe?, Trennung?, Neuer Job?, …)

Um das zu vermeiden, gilt es, die Arena zu vergrößern und ein genaueres Bild von sich zu zeichnen. Teilen Sie anderen mit, was Sie aktuell machen, wofür Sie sich begeistern, welche Projekte Sie mögen, was Sie gern und gut machen, worin Sie erfolgreich sind.

Zugegeben, gerade beim Reden über unsere Stärken und Erfolge wirken innere Überzeugungen, wie prahlerisch zu sein oder dass Selbstlob verwerflich ist, so stark, dass nichts davon über unsere Lippen kommt. Der Wunsch, gesehen zu werden, ist natürlich dennoch groß. Sie brauchen nicht gleich mit dem Megaphon in die Arena zu treten und herausposaunen, worin Sie stark sind. Doch können Sie mal im Bereich Ihrer Privatsphäre nachsehen, ob da nicht auch erst mal was Kleines, Charmantes ist, das Ihre Führungskraft oder Ihren Kolleginnen und Kollegen unbedingt wissen sollen und dürfen?

Nächster Beitrag
Online-Seminar: Gewonnen wird im Kopf
Vorheriger Beitrag
Macht – auch so ein Wort, über das hartnäckige Denkmuster existieren
Menü