Halo-Effekt

Der Halo-Effekt: Segen und Fluch

Vielleicht haben Sie schon mal eine Person auf Anhieb sympathisch gefunden, während ein Freund meinte, dass er bei dieser Person von Anfang an ein komisches Gefühl hatte? Solche Unterschiede in der Wahrnehmung haben meistens wenig mit der Persönlichkeit dieser Person zu tun. Vielmehr liegt es daran, dass wir andere Menschen nicht unbedingt objektiv beurteilen. Wir machen uns nicht immer die Mühe, uns ein umfassendes Bild zu verschaffen. Oft lassen wir uns beeinflussen von vermeintlichen Nebensächlichkeiten, etwa von besonders markanten Eigenschaften.

Der Halo-Effekt beschreibt dieses Phänomen, dass eine hervorstechende Eigenschaft (z. B. Attraktivität) auf die Wahrnehmung der gesamten Person ausstrahlt.

Der Begriff Halo stammt aus dem Englischen und bedeutet so viel Heiligenschein oder Hof von Planeten. Im Zusammenhang dieses Artikels bedeutet der Halo-Effekt: Eine einzelne, aber zentrale Eigenschaft einer Person überstrahlt andere Eigenschaften und beeinflusst so den Gesamteindruck von einer Person.

Sinn des Halo-Effekts

Der Halo-Effekt lässt sich auf unser Bestreben zurückführen, uns einen möglichst stimmigen Gesamteindruck von einer Person zu verschaffen.

Stellen Sie sich vor, Sie müssen sich entscheiden, neben wen Sie sich in einem Zugabteil setzen wollen. In einem solchen Moment fehlt Ihnen die Zeit, alles über die Personen, die bereits in dem Abteil sitzen, in Erfahrung zu bringen. Sie werden sich in dieser Situation sehr wahrscheinlich an einem einzelnen Merkmal (Attraktivität, Alter) orientieren. Die Bewertung der weiteren Aspekte dieser Person erfolgt dann in Abhängigkeit vom bereits gebildeten Eindruck.

In Organisationen und in der Mitarbeiterführung kann der Halo-Effekt eine objektive Beurteilung von Mitarbeiter_innen erschweren bzw. verzerren. Ist zum Beispiel eine Mitarbeiterin außerordentlich witzig und charmant, so überstrahlen diese Eigenschaften möglicherweise andere, die weniger vorteilhaft sind, wie Unpünktlichkeit oder Nachlässigkeit.

Andererseits kann eine Eigenschaft, die von der Führungskraft als ungünstig wahrgenommen wird wie vorlautes Auftreten, andere, als günstig wahrgenommene Eigenschaften wie Kreativität oder konzeptionelles Denken überstrahlen.

Wenn eine unserer zentralen Eigenschaften andere Eigenschaften positiv überstrahlt, profitieren wir von dem Halo-Effekt. Überstrahlt aber eine weniger günstige Eigenschaft andere Eigenschaften und beeinflusst den Gesamteindruck, den wir hinterlassen, wirkt sich der Halo-Effekt negativ für uns aus.

Zum Beispiel: Werden Sie trotz exzellenter Leistungen nicht gefördert, kann das mit einer Eigenschaft zusammenhängen, die von Ihrer  Führungskraft als anstrengend empfunden wird und Ihre anderen Eigenschaften überstrahlt. Eine Führungskraft würde Ihnen das nun kaum sagen (wahrscheinlich ist ihr das auch gar nicht bewusst). Und Sie wissen es auch, hoffen aber, durch noch mehr Leistung irgendwann befördert zu werden. So arbeiten Sie sich daran ab, die Aufmerksamkeit Ihrer Führungskraft zu bekommen, ohne zu wissen, dass Sie gegen den Halo-Effekt, der die Beurteilung verzerrt, nur schwer ankommen.

Wie Sie einer verzerrten Beurteilung auf die Schliche kommen

Gibt Ihnen Ihre Führungskraft kaum differenziertes Feedback? Weicht Sie  bei Fragen, warum Sie nicht weiterkommen, aus und antwortet: “Ja, aber Sie wirken oft so …” oder “Ja aber, im Projekt X haben Sie keine Initiative gezeigt …” (wobei das Projekt X schon seit Jahren abgeschlossen und eigentlich auch längst vergessen ist- doch der Halo-Effekt ist hartnäckig!). Dann scheitert  Ihre Energie vermutlich an der Beurteilung durch den Halo-Effekt.

Wie der Halo-Effekt ein Weiterkommen verhindern kann

Ich höre manchmal von Seminarteilnehmer_innen, dass ein Wechsel  der Führungskraft zu ungeahnten Höhenflügen geführt hat. Dass endlich die Leistung gesehen wurde und die Förderung voran geht. Das kann mit der veränderten Wahrnehmung durch die neue Führungskraft zu tun haben.

Sollten Sie merken, dass Sie – egal, was Sie leisten – nicht dahin kommen, wo Sie gern hinmöchten oder keine qualitativ anspruchsvollen Projekte bekommen: Denken Sie über einen Wechsel nach. Denn wenn der Halo-Effekt eine objektive Beurteilung Ihrer Leistungen erschwert, können Sie kaum auf Beförderung hoffen. Zumindest nicht solange, wie der Führungskraft nicht klar ist, dass der Halo-Effekt ihre Beurteilung verzerrt.

Wenn Sie diesen Text als Führungskraft lesen: Stellen Sie Ihre Bewertungen ruhig mal auf den Prüfsand. Strahlt die positive oder negative Bewertung eines Teammitglieds möglicherweise auf die Beurteilung in einem anderen Bereich aus? Untersuchungen haben ergeben, dass Führungskräfte die verschiedenen Leistungen eines Teammitglieds erstaunlich ähnlich beurteilen – was sehr deutlich auf den Halo-Effekt schließen lässt.

Nächster Beitrag
Wie Sie ein besseres Gehalt aushandeln
Vorheriger Beitrag
Der heimliche Gewinn von Glaubenssätzen
Menü